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Heiligenblut

Heiligenblut

„Scheiße Mann! Du fährst gleich den Abhang runter, Oli!“
„Chill ma, digga. Ich bin voll in Kontrolle.“ Oli rückte dichter an die Frontscheibe, um trotz Schneefall noch etwas von der Straße zu erkennen.
Auf dem Rücksitz saßen der Große, Schaschi und Ananas. Der Große knisterte mit einer Chipstüte, die anderen suchten Orion hinter den Wolken.
Die Straße wand sich in 180°-Kurven den Berg hinunter. Das Kaff Heiligenblut, wo sie sich eingemietet hatten, lag zwischen den Bergen eingeklemmt.

Das Kaff Heiligenblut, wo sie sich eingemietet hatten, lag zwischen den Bergen eingeklemmt.

„Pass auf, da vorne hängt Jesus! Nich so dicht ran!“ Thomas umklammerte den Handgriff, als könne er das Auto damit nach links ziehen. Der Typ war so unentspannt. Oli fuhr doch nur geschmeidige 60. Er gab Gas.
Die nächste Kurve kam plötzlicher als erwartet. Oli bremste, aber sie schlitterten auf dem Schneedreck weiter, rasten auf die emporwachsende Wand zu.
Die Rückbank wachte auf und johlte los. Oli gab wieder Gas. Mit lautem Krachen fuhr er den Berg hoch. Das Auto setzte auf und kippte zur Seite.
Als es zum Stehen kam, lag es auf dem Dach. Die Insassen stöhnten.
Oli drehte den Zündschlüssel. Es wurde still. Sie hingen kopfüber am Hang. „Scheiße, Mann. Das war krass.“

„Scheiße, Mann. Das war krass.“

Sie befreiten sich aus den Gurten und kullerten durcheinander.
Neben Oli traten schneeknirschend zwei haarige Beine vor das Autofenster. In einem Schienbein klaffte eine blutige Wunde. „Alter!“
In Olis Fenster erschien ein bärtiges Gesicht. „Ich bin der Geist des seligen Briccius.“
„Wie fett!“ Oli fühlte seine Augen wachsen.
„Oli, meine Tür geht nicht.“
„Meine auch nicht, Tomase, da steht einer vor.“
„Was? Oli, mach die Tür auf! Wir kommen hier nicht raus.“
Von hinten kam Geraschel. „O, hat einer Feuer? Ich hab hier noch n Splif.“
Oli beobachtete das verwitterte Gesicht vor seinem Fenster. Der Bart des Geistes war zu Eiszapfen gefroren. „Ich bin ein Pilger und wurde bewogen, das Blut Jesu aus dem sündigen Konstantinopel zu retten. Doch meine Kräfte unterlagen einem Schneesturm. Ich fand den Tod, bevor ich meine Reise vollenden konnte.“

„Ich fand den Tod, bevor ich meine Reise vollenden konnte.“

„Krass, Alter! Scheiß Rettungsaktion, aber krass. Und wie isses so, tot zu sein?“
Thomas kniff sich. „Ich glaub wir leben noch, Oli“
Der Geist senkte den Blick. „Die Heilige Schrift versprach Erlösung.“ Dann schaute er Oli an. „Ich schwor bei meinem Leben, diese Mission zu vollenden und das Blut ins Land Dänemark zu bringen.“
Oli grinste. „Bleib cool, du lebst ja nicht mehr. Verkackte Rettung. Bezahlt.“
Der Geist zog die Augenbrauen hoch. „Ich gab meinen Leib.“
Oli nickte. „Und jetzt hast du frei und kannst chillen.“
„Ich sehne mich, meine Mission zu vollenden und du siehst nicht den Sinn?“
„Ich glaube, du musst mal runterkommen von dem Trip.“
Schaschi klopfte Oli auf die Schulter und reichte den Joint nach vorne. „Hier. Zum Klarkommen.“
Oli nahm ihn ab, nickte dem Geist zu, und inhalierte drei tiefe Züge. Schwarzgefrorene Finger strichen Tränen aus den uralten Augen.
Das Schneegestöber war vorbei. Über dem Zottelkopf des Seligen sah Oli, Orion am Himmel strahlen. Dann schob der Geist seinen Kopf ins Auto. „Vergönnt ihr mir einen Zug?“
„Sischa, digga.“ Oli blies ihm den Qualm ins Gesicht.
Der Geist atmete tief ein, lächelte. „Erneut.“
Oli blies nochmal.
Der Geist verblasste. „Habt Dank, Digga.“

 

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