Für Schriftsteller

Die Rückblende als literarisches Mittel

Die Rückblende

Die Rückblende ist ein beliebtes Mittel um Hintergrundinformationen der Geschichte an den Leser zu bringen.

Aber obwohl es ein gutes Mittel ist, die Geschichte zu stärken, kann sie durch die Rückblende effektiv behindert werden und den Leser ablenken. Aber fangen wir vorne an und klären, was eine Rückblende ist.

#Was ist eine Rückblende?

Die Rückblende ist eine Technik durch die, der Autor aus der Zeitlinie der Geschichte heraustreten und interessante Informationen, oder informative Bruchstücke, aus der Vergangenheit einer Figur einfließen lassen kann.

In einem literarischen Text kann man einen Übergang von einer Realitätsebene auf eine andere mit einer Rückblende gestalten. Realitätsebenen können sein

  • Zeitpunkt Geschichte zu Geschehnis in der Vergangenheit
  • Zwei Realitäten, z.B. die Realität der Geschichte zu Traumwelt oder Parallelwelt

Einfach gesagt, ist eine Rückblende eine Erinnerung, die verschiedene Formen annehmen kann.

  • Eine Figur erinnert sich aktiv an Geschehnisse ihrer Vergangenheit.
  • Ein allwissender Erzähler nimmt sich aus der laufenden Geschichte heraus und erzählt was einer der Figuren zuvor geschah.
  • Eine eingefügte Szene einer anderen Zeitlinie, die die Vergangenheit einer Figur zeigt.

Sie kann auf drei Arten mit dem Leser geteilt werden.

  • Kurz, als Zusammenfassung, in der die Ereignisse mit den wichtigen Details ohne Dramatisierung im Show einfach erzählt werden.
  • Lang, als eigene dramatische Szene, in der die Ereignisse Schritt für Schritt miterlebt werden können.
  • Im Dialog, in dem die Figur mündlich eine Erinnerung mit einer anderen Figur teilt.

#Wie wirkt die Rückblende im Text?

Die Realitätsebene wird gewechselt, und der Leser verlässt die laufende Geschichte und bekommt mindestens ein neues Bild und maximal eine neue Szenerie vorgestellt. Eine Rückblende eröffnet oft eine eigene Handlung und ist dann als eigenen Szene zu betrachten.

Wird in der Rahmenhandlung (oder vorhergehenden Handlung) bereits einige Spannung aufgebaut, und die Rückblende liefert Informationen (oder Plot Points), die zur Klärung oder weiteren Verstrickung der Geschehnisse beisteuern, wird die Rückblende im besten Fall vom Leser herbeigesehnt und gerne gelesen.

Werden weder neue Fragen, noch klärende Antworten in der Rückblende geliefert, kann sie den Leser aus der Geschichte werfen und langweilen, weil sie unwichtig erscheint.

#Wann ist eine Rückblende gerechtfertigt?

Wie oben bereits erwähnt, ist eine Rückblende nicht immer notwendig. Aber woran können Autoren ausmachen, ob die Rückblende benutzt werden sollte. Der erste Grund erscheint offensichtlich …

Die Figur hat eine interessante Vergangenheit

Es erklärt sich von selbst, dass wenn einer Figur vor Beginn der Geschichte, nichts Interessantes passiert ist, sie also einen durchschnittlichen Lebenslauf vorzuweisen hat, auch keine Rückblenden eingebaut werden müssen.

Die Vergangenheit bringt die Handlung voran

Der zweite Punkt bedeutet, dass die interessante Vergangenheit der Figur nicht nur für die Handlung von Bedeutung ist, sondern sie auch vorantreibt. Das heißt, dass der Akt des Erinnerns ein Katalysator für die weitere Handlung darstellen sollte.

Denn wenn der Autor seine Geschichte pausiert, um eine Figur in Erinnerungen schwelgen zu lassen und somit den narrativen Fluss der Geschichte unterbricht, sollte es sich um eine wichtige, alles verändernde Unterbrechung handeln. Dass was der Leser dadurch erfährt, sollte den inneren und /oder äußeren Konflikt der Figur weiter steigern.

#Wann sollte man auf eine Rückblende verzichten?

Wenn die Rückblende nicht genügend neue Informationen bietet.

Rückblenden, besonders solche, der eine eigene Szene gewidmet werden, nehmen Platz und Lesezeit in Anspruch. Was ein Signal für den Leser ist, dass die Information, die geboten wird, wichtig für die Handlung sein wird. Für den Autor bedeutet das, abzuwägen, ob die handlungsrelevanten Informationen den Platz, den die Rückblende einnehmen wird, gerechtfertigt ist.

Rückblenden zerstören Subtext

Der größte Teil des Subtextes der Geschichte wird durch die Vergangenheiten der Figuren bestimmt. Durch die Rückblende wird dieser Subtext dargestellt. Der Subtext geht durch die Darstellung verloren und hört auf als Subtext mitzuschwingen. Er verliert an Kraft, weil er ausgesprochen und damit dem Leser auf-die-Nase-gebunden wurde.

Rückblenden ziehen Aufmerksamkeit von der Haupthandlung ab

Da Rückblenden ein Einschnitt in der Geschichte sind, und deutlich für den Leser hervorstechen, ziehen sie einen großen Teil der Aufmerksamkeit auf sich. Dadurch kann die Betonung auf die Haupthandlung in Schieflage geraten und die Rückblende mehr in den Focus geraten, als die eigentliche Handlung.

#Wann passt die Rückblende in den Ablauf?

Eine Rückblende ist eine Pause für die Haupthandlung, daher wird sie am besten nach einer starken Szene der Haupthandlung eingefügt. Es bedeutet auch, dass eine Rückblende nie die erste Szene seine sollte. Sie wirkt dann eher wie ein Prolog.

#Wie funktioniert die Rückblende als eigene Szene?

Erzählzeit Imperfekt

Die Erzählzeit der Geschichte ist im Imperfekt. Um den Wechsel anzuzeigen und den Leser in die Rückblende hinüberzuleiten, wechselt der Autor für maximal 3 Sätze ins Plusquamperfekt und fährt dann in der Erzählzeit Imperfekt weiter. Dabei setzt er einen inhaltlichen Anker, ein zeitliches Signalwort (den zeitlichen Anker).

Genauso verfährt der Autor auch, wenn er aus der Rückblende wieder zurück in die Rahmenhandlung führt (bei einer längeren Szene) Er wechselt für ein bis drei Sätze ins Plusquamperfekt, setzt ein Signalwort oder zeitlichen Anker in Form eines Zeitraffers.

Hier ein Beispiel für eine kurze Rückblende, ohne Rückführung:

Im letzten Haus an der Oakhurst Road wohnte Clara Hayes. (Imperfekt) Seit (zeitliches Signalwort) ihr Ehemann einen Herzinfarkt erlitten hatte, lebte sie dort allein. (Plusquamperfekt)

Er hatte auf dem oberen Treppenabsatz gestanden, als es passierte, war die Stufen heruntergefallen und direkt vor ihren Füßen gelandet. (Plusquamperfekt) Doktor Harris hatte gesagt, der Genickbruch habe ihn noch von dem Herzstillstand getötet. (Plusquamperfekt) Das war nun elf Jahre her. (Imperfekt)

Erzählzeit Präsens

Auch wenn die Erzählzeit des Textes das Präsens ist, lässt sich eine Rückblende mit denselben Mitteln wie der klassischen Rückblende einleiten. Allerdings wechselt der Autor, vom Präsens aus nicht ins Plusquamperfekt, sondern ins Perfekt.

Erzählzeit Futur

Eine experimentelle Version der Rückblende könnte auch vom Imperfekt ins Futur und wieder zurückführen. Dies hinterließe einen transzendenten Eindruck beim Leser.

#Übung

Wenn ihr gerade keine Rückblende in eurem Text plant, das Überleiten dennoch ausprobieren wollt, wie wäre es, die Rückblende bei der Figuren-Entwicklung auszuprobieren. Nehmt euch das Ereignis in der Vergangenheit der Figur vor, dass einen ausschlaggebenden Einfluss auf sie hatte (ihr Fehler, die Lüge, die sie glaubt, etc.) und zeigt, wie sich die Figur daran erinnert.

Wie immer hoffe ich, ich konnte Dir Werkzeug an die Hand geben, um deine Texte bewusst zu gestalten. Ich freue mich, von Dir zu lesen!
Ella

Photo by Ali Yahya on Unsplash

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2 Comment

  1. Reply
    paetal
    2. Februar 2018 at 18:51

    Hi,
    der Beitrag ist das Brauchbarste, was zurzeit im Netz zu finden ist (Stand 02.02.2018).
    Vielen Dank dafür!
    paetal

    1. Reply
      Ella
      6. Februar 2018 at 11:44

      Vielen Dank! 🙂

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