Für Schriftsteller

Was ist Deine Schreibnische?

Was ist deine Schreibnische

In der Tagesschau lief ein Nachruf. Peter Härtling sei gestorben. Der Moderator meinte, Härtling habe tolle Literatur geschaffen, aber die Jugendliteratur wäre sein Steckenpferd gewesen. Der Autor selbst betonte, dass ihn Bücher für Kinder und Jugendliche immer am wichtigsten gewesen wären. Es wäre seine Wut gewesen, die er aus seiner Kindheit als Kriegswaise gefühlt habe, die ihn antrieb und an der er sich in seinen Geschichten abgearbeitet hat.

Das ist bei mir hängen geblieben und ich habe mich gefragt, was ist eigentlich mein Antrieb? Habe ich eine bestimmte Art von Geschichte, Plotstruktur, oder ein Thema, an dem ich mich abarbeiten muss? Der Gedanke gefällt mir. 🙂

Aber wie könnte man das herausfinden? Ich möchte diese Frage, hier nicht für mich klären, Dich aber anregen, Deine eigene Geschichte zu erforschen, um genau das zu finden, den Grund, aus dem Du schreibst. Die eigene Schreibnische entdecken.

Ich habe das Internet durchstöbert und bin auf eine Bloggerin gestoßen, die sich bereits mit diesem Thema beschäftigt hat. Ich möchte ihren Ansatz gerne hier wiedergeben. Wer das Original anschauen möchte, kann es hier finden. Ihr Ansatz ist, um der Antwort näher zu kommen, müssen wir unsere Vergangenheit erforschen und Muster erkennen. Ich habe es mit folgenden Fragen versucht einzugrenzen:

Welche Art von Geschichten ziehen dich an?

Ich glaube, jeder hat eine bestimmte Art von Geschichte, die er sehr mag. Auch wenn Setting und Charakter Cast wechseln, gibt es eine Essenz, der wir immer wieder gerne folgen. Einen bestimmten Plot. Wenn Du Dir die folgenden Fragen stellst, versuche die Antwort nicht auf ein bestimmtes Ziel hin auszurichten. Sei offen und ehrlich mit Dir selbst. Wenn Du es nicht auf eine Antwort beschränken kannst, notiere dir alles was dir wichtig erscheint.

  1. Was ist dein Lieblingsfilm?
  2. Was ist dein Lieblingsbuch?
  3. Hast du vielleicht eine Lieblingsserie?
  4. Oder ein Lieblingslied?

Haben diese Dinge etwas gemeinsam? Eine ähnliche Stimmung, Themen, Charaktere, Ereignisse oder Schauplätze? Schreib es auf! Auch das, was sie unterscheidet.

Mit welchen Charakteren kannst Du Dich identifizieren?

Jedem ist irgendwann in seinem Leben einmal eine fiktionale Figur begegnet, die auf eine besondere Art mit einem mitschwingt. Mit der man sich identifizieren konnte, oder die die höchsten Ideale, nach denen man strebt, verkörpert.

  • Liste Deine fünf liebsten fiktionalen Charaktere (oder reale Personen, die Du bewunderst, oder denen Du nacheiferst).

Schau Dir die Liste an und finde die Charaktereigenschaft(en), die alle fünf gemeinsam haben. Haben sie alle ein ähnliches Wertegerüst, oder bestimmtes Talent? Setze deine Talente, Qualitäten, bestimmte Ideen und Tugend dagegen. Gibt es Überschneidungen?

  • Gibt es Parallelen zwischen den Lebenswegen der Figuren und deinem Leben?

Im nächsten Schritt vergleiche, was Du bisher herausgefunden hast. Gibt es parallelen zwischen Deinen favorisierten Geschichten und Charakteren? Notiere Dir die Überschneidungen. Sie zeigen Dir zu welchem Genre Du tendierst.

Welche Erfahrungen haben Dich geformt?

Nimm Dir die Zeit und blick zurück über Dein Leben. Wahrscheinlich gibt es einige Momente, die sich besonders fest in Deiner Erinnerung verankert haben. Überlege Dir die drei Ereignisse, oder Momente, die Dich in besonderem Maße beeinflussten und schreibe sie auf.

Kannst Du bereits ein Muster erkennen? Gibt es ähnliche Momente in den Geschichten, die Dir gefallen, oder haben deine Lieblingscharaktere, solche Momente durchlebt?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Art von Ereignissen Teil Deiner Schreibnische  sind. Es gibt einen Grund, warum Dir diese Ereignisse so viel bedeuten und dies qualifiziert Dich über sie zu schreiben.

  • Schreibe einen kurzen Absatz darüber, wie Dich diese Erfahrungen beeinflusst haben.  Haben sie Dich zu einer besseren Version Deiner selbst gemacht, oder einen negativen Einfluss auf Dein Leben genommen?

Welche Beziehungen haben Dich beeinflusst?

Ob es Dir bewusst ist, oder nicht, bestimmte Eigenschaften Deiner Persönlichkeit (Vorlieben, Abneigungen, Talente und Verhalten) hast Du Dir im Laufe Deines Lebens von Menschen angeeignet, mit denen Du viel Zeit verbracht hast. Wir alle werden durch die Beziehungen, die wir mit anderen Menschen haben, nachhaltig geprägt.

  • Welche drei Personen in Deinem Leben hatten den größten Einfluss auf Dich? Wie haben sie Dich verändert, was haben sie Dich gelehrt? Schreib es auf!

Versuche wieder die Parallelen zwischen deinen Lieblingscharakteren und deren Beziehungen zu ziehen. Wenn Du welche entdeckst, solltest Du Dir diese für Deine Nische merken. Du scheinst durch Deine Erfahrung dafür qualifiziert zu sein, darüber zu schreiben.

Hast Du ein wiederkehrendes Thema in Deinem Leben?

Nachts, wenn Du allein bist und Deine Gedanken schweifen lässt, kurz bevor Du einschläfst. Kommen Dir da immer die gleichen Fragen? Geben sie Dir Rätsel auf, die Du wahrscheinlich nie restlos lösen wirst? Es sind diese wiederkehrende Gedanken, Gefühle, Fragen, die Dir Hinweise auf Dein Lebensthema geben.

Dieses Thema ist die Grundlage jeder Geschichte. Jeder Plot und jeder Charakter, den Du entwirfst, wird sich, in der einen oder anderen Art, mit diesem Thema auseinandersetzen. Es ist die Frage, die Du zu lösen suchst.

  • Gibt es bestimmte Gefühle, die immer wieder in dein Leben kriechen? Gibt es Fragen, die Dich nicht loslassen und die sich wie ein roter Faden durch Dein Leben ziehen? Schreib sie auf!

Jetzt gehe zurück zu den drei Ereignissen, die Du zuvor identifiziert hast.  Wie haben sie dich fühlen lassen? Welche Fragen haben sie Dich fragen lassen? Haben sie Dir bestimmte Wahrheiten gebracht? Notiere, was Dir einfällt.

  • Nun ziehe die drei Beziehungen, die Du beschrieben hast, hinzu. Welche Wahrheiten, Lektionen haben sie Dich gelehrt? Welche Tugenden haben sie in Dir geweckt, genährt? Wie haben Dich diese Beziehungen fühlen lassen? Schreib es zu Deinen Notizen!

Gehe über Deine Notizen. Ist Dir eine bestimmt Wahrheit, ein Gefühl oder eine Lektion aufgefallen, die in jeder bisherige Antwort zu finden ist? Dies ist aller Wahrscheinlichkeit nach, dein Lebensthema. Wenn es mehrere sind, nimm Dir das, was Dir intuitiv am besten gefällt.

Schreib was Du kennst!

Du kennst jetzt das Thema Deines Lebens, denn Du hast es aus den wichtigsten Ereignissen in Deinem Leben abgeleitet. Um zu verstehen, wohin die Reise geht und warum Du Dich zu bestimmten Geschichten hingezogen fühlst, musst Du wissen, wo Du herkommst. Analysiere die Faktoren, die Dich geformt haben näher.

  • Wo bist Du aufgewachsen?

Der Ort an dem Du die meiste Zeit Deiner Kindheit und Jugend verbracht hast, hat Dich geprägt. Kommst Du vom Land, oder aus der Großstadt? Beschreibe den Ort, an dem Du aufgewachsen bist, inklusive kultureller Normen, der Grundhaltung, bestimmtes Verhalten und Probleme.

  • In welcher Familie bist Du groß geworden?

Waren Deine Eltern verheiratet, oder geschieden? Kanntest Du beide? Hast Du Geschwister? Wenn ja, bist Du das älteste, mittlere oder jüngste Geschwisterkind? Welche Rolle hattest Du? Warst Du Beschützer, Friedensstifter, Gegner? Beschreibe Dein Familienleben.

  • Wer war Dein bester Freund und wie war euer Verhältnis?

Wart ihr gleichgeschlechtlich, oder nicht? Habt ihr dieselbe Schule besucht, oder habt in derselben Nachbarschaft gewohnt? Hattet ihr bestimmte Probleme? Beschreibe Deinen Freund und die Beziehung die ihr hattet.

  • Gibt es Familiengeschichten, oder -legenden, Stereotype oder Lebensentwürfe, denen Du gerecht werden wolltest?

Welche Erwartungen wurden an Dich durch andere gestellt? Wie hast Du Dich damit gefühlt? Was hat Deine Wertigkeit definiert? Beschreibe diese Erwartungen.

  • Was waren die schwierigsten Punkte, die Du überwinden musstest, als Du aufgewachsen bist?

Mache eine kurze Liste.

Schreibe Charaktere, die so sind wie Du!

In jeder Figur, die ich bisher geschrieben habe, finde ich mich wieder. Daher glaube ich, ist es nur natürlich eine fiktionalisierte Version seiner selbst zu entwerfen. Wenn wir unsere Erfahrungen einfließen lassen, wird die Figur glaubwürdig und herausfordernd, den sie zwingt einen dazu, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und zwar auf einem fiktionalen Weg. Man schreibt über die eigenen Fehler, Tragödien, Triumphe, Liebe und Ideale. Also schau Dir an, wer Du bist.

  • Welcher Traum verfolgt Dich bereits  Dein Leben lang (abgesehen von Bestseller Autor)? Etwas, dass Du schon immer tun wolltest, eine Karriere, die Du nicht verfolgt hast. Notiere es kurz!
  • Was denkst Du, sind Deine größten Stärken? Was magst Du besonders an Dir Was Deine Schwächen oder Fehler? Wie glaubst Du, sehen Dich andere? Gibt es Abweichungen zwischen den Bildern? Was begeistert Dich? Wofür stehst Du morgens auf? Wovon kannst Du nicht genug bekommen? Notiere die Punkte.
  • Was ist Deine größte Angst? Wie hast Du diese Angst erlebt? Hat sie dich gelähmt? Hast Du gezittert? Wurde Dir übel? War es etwas das Du tun musstest, oder ist es Dir passiert? Hast Du versucht dem zu entgehen, oder musstest Du es ertragen? Erweitere Deine Liste um diese Punkte.
  • Was ist Dir besonders wichtig? Konkrete Dinge, oder abstrakte Konzepte, Werte?
  • Was ist einzigartig an Dir? Etwas, dass nicht viele Menschen, die Du kennst, besitzen, erfahren haben, oder können? Notiere es.
  • Beschreibe Dein idealisiertes Selbst. Was ist dein Ideal? Dabei geht es hier nicht darum, die perfekte Version Deiner selbst zu beschreiben, sondern herauszufinden, wer Du tief in Deinem Herzen sein möchtest. Denn wer Du sein möchtest, spricht Bände über Dich. 🙂
  • Und abschließend, frag Dich: Magst Du Dich leiden? Gehst Du Dir selbst auf die Nerven, oder glaubst Du, Du bist eigentlich eine ganz coole Sau? Bist Du vielleicht dein eigener Gegenspieler, oder dein größter Fan? Beschreibe dein Verhältnis zu Dir selbst in kurzen Worten.

Die Formel Deiner Geschichte – Fass es zusammen!

Jetzt wo Du alle Informationen aufgeschrieben hast, ist es Zeit, Deine Schreibnische zu definieren. Die Geschichte, die nur Du schreiben kannst, die Geschichte, die Du geboren wurdest zu schreiben.

Diese Formel kann sich in jeder Deiner Geschichte wiederfinden. Charakternamen und Beschreibungen, Schauplätze, Hintergrundgeschichten, Talente, Ziele und Lebenssituationen werden variieren, aber das Gerüst wird sich immer wieder verwenden lassen.

Wenn Du möchtest, schreibe die Punkte gesammelt auf diesen Vordruck und lege sie als Referenz zu Deinen Unterlagen.

Abschließend möchte ich wissen, hat Dir diese Zusammenstellung geholfen? Konntest Du Deine Schreibnische finden, oder ihr näher kommen? Ich bin gespannt, es zu erfahren! Hinterlasse mir ein paar Zeilen dazu. 🙂

Wie immer hoffe ich, ich konnte Dir Werkzeug an die Hand geben, um deine Texte bewusst zu gestalten. Ich freue mich von Dir zu lesen!
Ella

Verliebe Dich in den Prozess, nicht in das Ergebnis!

Photo by rawpixel.com on Unsplash

 

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2 Comment

  1. Reply
    Lisa
    25. Februar 2018 at 20:33

    Hallo Ella,
    irgendwie bin ich hier gelandet.
    Konnte ich meine Schreibnische finden? Brauche ich denn eine? Wenn ich ehrlich bin, muss ich diese Frage verneinen.
    Ich brauche auch kein Gerüst, denn ich schreibe, wie es aus mir kommt. Manchmal kommen Geschichten, die erst viel später passieren, doch das finde ich nicht schlimm. Ich schreibe alles auf, dafür habe ich mir extra die schönen Bücher von Leuchturm gekauft.
    Was solls, wenn der fünfte Teil dazwischen kommt, wo ich den dritten und vierten Teil noch nicht fertig hatte.

    Wenn ich mich frage, wer ich tief in mir bin, dann wird es nur eine Antwort geben: Ein Krieger!
    Denn dieser Krieger, über dem ich schreibe, das bin auch ich. Vielleicht fällt es mir deswegen leicht, seine Geschichte in mehreren Büchern zu erzählen.

    Natürlich mag ich mich so, wie ich bin. Mit all den verrückten Ideen und Gedanken im Kopf. Ich zeichne jetzt eine Landkarte von meiner Welt auf 15 Blättern 50x70cm, die später eine große Landkarte ergeben. Man sieht alles, Häuser, Brücken, Felder, Berge, Flüsse, Wege, Städte, Wüsten und, und…

    Bald verlege ich den fünften Teil und es werden noch zwei Teile folgen. Wenn ich schreibe, dass ich mein nächstes Buch verlege, dann meine ich das auch so. Da mir der Vertrag vom Verlag nicht gefallen hat, bin ich den Weg einer Indieautorin gegangen. Das war vor drei Jahren, mit 62, da muss ich mir so einen Streß nicht mehr antun.
    Natürlich ist es mehr Arbeit, wenn man alles selber macht. Doch dafür bin ich mein eigener Herr über jedes Wort, was mir sehr wichtig ist.
    Ein Verlag im Rücken bedeutet nicht, dass man mehr Bücher verkauft. Ich bin eine Nischenschreiberin, mein Krieger ist schwul, meine Bücher ab 16.
    Und ganz ehrlich, ich liebe meine Geschichte, und selbst, wenn ich sie wer weiß wie oft lese, bevor ich sie veröffentliche, wird es nie langweilig.
    Oft frage ich mich, das habe ich geschrieben?
    Und nein, ich habe nicht gelernt, wie man Geschichten schreibt. Vielleicht wurde diese Gabe in meine Wiege gelegt und irgendwann war es an der Zeit, sie zu Papier zu bringen. Obwohl ich alles mit nur einem Finger tippe, bin ich froh, dass ich mich das getraut habe.
    Liebe Grüße, Lisa

  2. Reply
    Ella
    2. März 2018 at 11:50

    Danke für’s Teilen. 🙂

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