Ankunft in der Stadt am See

Das Licht des sichelförmigen Mondes bricht durch die verhangene Wolkendecke über dem Städtchen am See, als die Bugwelle eines sanft dahingleitenden Kahns an der Kaimauer mit leisem Plätschern bricht. Der Kahn hat abgedunkelt und lautlos von der anderen Seite des Sees übergesetzt. Der Kapitän ist in die dunkle Regenkutte eines Fischers gehüllt. Sein Gesicht tief in der Kapuze verborgen. Nur sein Atem, der in der kalten Nachtluft kondensiert, lässt vermuten, dass dort nicht der Tod selbst am Ruder steht.

Als sein Schiff den Kai erreicht, springt er behände an Land und befestigt es mit einem seenassen Tau an einem der Pfähle. Er blickt zur Straße hinauf. Sein dichter Bart leuchtet rot im Lichteinfall der Laterne, die einsam den oberen Teil der Kaimauer beleuchtet.

Die eisige Luft der Nacht kündet den Beginn der Rauhnächte an. Aus der Schenke dringen Lachen und die Katzenmusik einer Fidel. Der Geruch von Seetang und Brackwasser zieht hinter dem Landgänger her, als dieser mit festem Schritt in die Gassen des Städtchens eindringt. Der Frostwind folgt ihm auf dem Fuße und verwandelt seine feuchten Spuren auf dem Kopfsteinpflaster in glitzernde Kristalle.

Aus den Schatten der Unterführung löst sich eine vierpfotige Gestalt und beginnt ihr Klagen, aber das Herannahen des Fremden lässt sie buckeln und fauchend das Weite suchen. Der Landgänger hat sein Ziel im Blick.

Er kennt die Gassen und findet seinen Weg. Es sind dieselben Häuser, dieselben Fenster und Türen, die er aus seiner Kindheit kennt, aber heute wohnen andere dahinter. Er sieht vertraute Züge in jüngeren Gesichtern vorbeihuschen. Es waren lange Jahre. Stoisch verdrängt er die aufkeimende Angst, zu spät zu kommen.

Die dünne Eisschicht auf dem Wasserspiegel einer Pfütze zerbirst unter seinen Schritten und er bleibt abrupt vor einer Gasse stehen, die sich unter einem Torbogen vor ihm auftut.

Der Gasseneingang ist nur einen Schritt breit, wie ein Flaschenhals und führt den Kapitän tiefer zwischen die Häuser, bis er sich zu einem Innenhof öffnet und vor einer grob gezimmerten Tür endet.

Der Bogen der Tür ist mit Tannengrün und roten Ilexbeeren geschmückt. Der Landgänger zögert, bevor er seine Hand auf den altvertrauten Griff legt. Die Tür ist nicht versperrt und schnarrt über die abgewetzten Fliesen, als er sie langsam aufdrückt.

Der Rosshaarbesen seines Vaters fällt klackernd aus der Ecke und landet vor dem Ofen, in dem die Glut des Holzfeuers leise glimmt. Auf dem Sessel gegenüber dem Feuer beginnt eine zusammengesunkene Gestalt sich zu regen. Der süße Duft der Quitten, die neben dem selbstgebackenen Honigbrot in einer Schale auf dem Tisch stehen, sinkt tief in sein Bewusstsein. Die blassgrauen Augen seiner Mutter leuchten in ihrem faltenzerfurchten Gesicht auf, als sie ihn erkennt und ertränken endgültig die Angst, zu spät zu sein, in seinem nassen Herzen.


Fotos mit Dank von Unsplash

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