Dick Morgenstern

Ein frostiger Berliner Morgen. Dick Morgenstern beobachtet die Streifenwagen, die sich am Einsteinufer zu einem Stelldichein versammelt haben. Wenn er sich in seinem grauen Trenchcoat weiterhin unauffällig verhält, werden ihn die Polizisten noch ein Weilchen übersehen. Der Frost hat den Rasen, zu einem grünen Fakirkissen erstarren lassen. Auf einer mit Schmierereien verzierten Parkbank liegt ein Pizzakarton neben einer zerlesenen Zeitung.
Die Leiche hängt kopfüber im Wasser, so dass Morgenstern von seinem Blickpunkt aus nur das breite Hinterteil in einer grauen Jogginghose Größe XXXL sieht. Kein schöner Anblick, kein schöner Tod.

Kein schöner Anblick, kein schöner Tod.

Er muss warten bis die Leichendoktoren ihre Fotos gemacht haben und das Opfer aus dem Wasser holen. Er zieht an seinem Zigarillo, zwingt heißen Qualm durch seine Lungen und entscheidet sich für die Parkbank. Er setzt sich neben den Pizzakarton. Darin liegt zusammengeklappt eine halb gegessene Pizza Marinara. Der Knoblauchgeruch hängt auch nach der eisigen Nacht noch in der Luft. Morgenstern bückt sich nach einem kurzen Stock, um damit die Zeitung zu untersuchen. Er stutzt, als ein Schatten auf ihn fällt.

„Morgenstern, was machen Sie hier? Ich bin mir sicher, dass sie hier nichts verloren haben!“ Er genießt die sinnliche Stimme von Kommissarin Linda Simons.
Morgenstern sieht auf und lässt seinen Blick über ihre kurvenreiche Erscheinung schlängeln. Lächelnd zieht er an seinem Zigarillo.
„Der Mann hieß Quan Lu.“ Einer ihrer Kollegen ist zu ihnen getreten und hält den Ausweis des Opfers in seinen Händen. Er bemerkt zu spät, dass Morgenstern nicht zum Team gehört. Die Kommissarin verdreht die Augen. Morgenstern lacht in sich hinein.
Lu war eine Größe bei den illegalen Straßenkämpfen, die die Russen organisieren. Morgenstern hat durch ihn schon den einen oder anderen Hunni gemacht. Eine Schande. „Lu? Gibt’s n´ paar in Berlin“, raunzt er beiläufig.
„Morgenstern, Sie machen sich besser nützlich! Was wissen Sie?“
Verdammt, die Kleine kennt ihn zu gut! „Er hatte Verbindungen zu den Chinesen und Russen. Einer ihrer Kämpfer.“ Simons macht ihn zu ihrem Informanten, aber eine Hand wäscht die andere. „Wie ist er gestorben?“
Sie winkt ihm, ihr zu folgen. Der Mediziner zeigt ihnen Strangulationsmahle an Lus speckigem Hals. Morgenstern hat den Mann in Aktion gesehen. Kein leichtes Opfer. „Er wurde garantiert betäubt. Untersuchen sie die Pizza.“ Er schnippt den Zigarillo in den Kanal. Das sind vorerst genug Hinweise, um sich den Polizeiapparat warm zu halten. Aber was das Gift betrifft, kann er, anders als die Polizei, nicht auf das Labor warten.
„Hey, wo wollen sie hin?“
Er weiß, die abgetrennte Zunge, die in die Zeitung gewickelt liegt, ist eine Warnung.

Um seinen Auftraggeber zu schützen, muss Morgenstern den Drachen bei den Eiern packen. „Ich werde bei Tante Mi einen Tee trinken gehen.“

Foto von Alejandro Cartagena ???‍? auf Unsplash

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