Für Leser

Ein Moment Ewigkeit

Ein Moment Ewigkeit

Ein schneebedeckter Felsvorsprung blickt wachsam über die Kitzbüheler Alpen. Die Sonne wärmt ihm den Rücken. Er genießt das beharrliche Sickern der Tautropfen. Sie dringen in seine Millionen Jahre alten Tiefen, werden kälter und erstarren dort. Das Eis dehnt sich in seinem Inneren. Stück für Stück. Jahr für Jahr.

Ein Wanderer auf Skiern stapft schnaufend den Berg hinauf. Er schwitzt, stößt heiße Atemwolken aus. Im Kopfhörer dröhnt Beethovens Neunte. Was ist das für eine Ehe? denkt er. Eine kaputte Ehe. Von wegen gemeinsamer Skiurlaub! Ich laufe hier alleine, Kati hockt lieber in der Sauna. Auch alleine? Na, hoffentlich. Eine Scheiße ist das! Er atmet die kalte Luft tief ein.
Es ist der verdammte Stress. Ständig Emails, WhatsApp, Skype-Telefonate. Wir haben uns auseinandergelebt. Dabei will ich das gar nicht! Heute Morgen musste ich doch ans Telefon gehen. Sieht sie das denn nicht? Aber sie immer mit ihrem Scheiß Yoga!
Wäre ich nicht rangegangen, hätten wir die Position nicht geklärt, und Schmitten hätte eine Ausrede, die Zahlung auszusetzen. Versteht sie denn nicht, worauf es ankommt? Ihre Wolkenschlösser kann sie nur bauen, wenn die Kasse stimmt, und dafür muss ich sorgen.

Ihre Wolkenschlösser kann sie nur bauen, wenn die Kasse stimmt, und dafür muss ich sorgen.

Er starrt auf seine Hightech Skier, die er unermüdlich vorwärtsschiebt. Existenzen hängen von mir ab, nicht nur unsere. Ich muss jederzeit erreichbar sein. Work-Life-Balance ist was für Hausfrauen. Sorry, Kati!
Seine Fitnessapp zeigt ihm, dass er bei 1800m ist. Noch gute 300 Höhenmeter bis zum Gipfel. Das sollte in der nächsten Stunde zu schaffen sein. Egal wie lang sich dieser Wanderpfad noch hinzieht. Es ist scheißkalt! Mir friert die Nase ab. Auch egal. Den Gipfel werde ich erreichen, und dann sende ich meinen Standpunkt ans Büro.

Seit jeher wacht der Fels über das Tal. Er kennt die Fährten der Hasen im Unterholz und das Krächzen der Raben, deren Schatten mit sanften Flügelschlägen über die Steilhänge gleiten. Er verharrt in diesem ewigen Moment.

Er verharrt in diesem ewigen Moment.

Die Musik setzt aus, und der Klingelton des Handys ertönt in den Kopfhörern. Dreck! Sogar hier habe ich Empfang. Angewidert blickt der Wanderer auf das Display. Es ist Schmitten. Abrupt bleibt er stehen und zieht seinen Handschuh aus, kontrolliert seine Atmung, drückt den Antwort-Button.
Da kracht der riesiger Fels vor ihm auf den Weg, verfehlt ihn nur um zwei Schritte. Schnee klatscht ihm ins Gesicht.
„Guten Tag, Richard”, sagt Schmittens Stimme im Kopfhörer. “Gut, dass ich sie erreichen konnte.“

 

Lust auf meinen gratis Newsletter bekommen?

Registrieren Sie sich jetzt, um eine Email zu erhalten, wenn ich neue Inhalte publiziere.

I agree to have my personal information transfered to MailChimp ( more information )

Ich werde Deine Email Adresse nicht weitergeben, damit handeln oder sie verkaufen. Außerdem kannst Du die Benachrichtigung jederzeit abbestellen.

You Might Also Like

Vorheriger Beitrag
Nächster Beitrag

Schreibe einen Kommentar