Für Leser

Engel über Berlin

Engel über Berlin

Rosi bebte. Sie stürzte aus dem Büro und eilte die Ebertstraße hinunter Richtung Brandenburger Tor. Der Novemberwind schnitt ihr in die Wangen und stach ihre Finger mit eiskalten Nadeln, rot und taub. Erst da fiel ihr auf, dass sie Mütze, Schal und Handschuhe hatte liegen lassen.

Nachdem es den ganzen Nachmittag geschneit hatte, war mit der Dämmerung der Frost gekommen. Die Autos hatten die weiße Pracht in schwarzen Schlick verwandelt.
An der Kreuzung zur Vossstraße kam es zu einem Hupaufruhr, als der erste Wagen, ein stark verdreckter Opel, nicht schnell genug anfuhr. Am Straßenrand stand ein Maronenverkäufer mit seinem Schiebestand und verkaufte seine heißen Köstlichkeiten, sobald die Ampel den grauen Menschenstrom stoppte. Touristen und Berliner stiefelten eilig umher, Rosi verloren unter ihnen.
Der Anruf hatte sie zutiefst erschüttert. Sie zitterte. Tränen standen in ihren Augen. Sie wollte nicht weinen, weder im Büro noch hier auf der belebten Straße. Es hätte sie noch tiefer gedemütigt. Niklas hatte sie verraten.

Die Autos hatten die weiße Pracht in schwarzen Schlick verwandelt.

Ihre Nachbarin hatte Rosi wegen eines mutmaßlichen Einbruchs angerufen. Rosis Wohnungstür habe offen gestanden und alle Räume, so hatte die Nachbarin es ihr beschrieben, waren leergeräumt. Auf dem Boden hatte ein Zettel gelegen, den die Frau ohne Rosis Zustimmung einfach vorgelesen hatte:

„Rosi, es ist vorbei. Ich habe eine echte Frau gefunden. Die Einrichtung hatte ich ja bezahlt. Niklas.
P.S. Du weißt nicht, wie lang ich dich schon satt habe!“

Zitternd sucht Rosi an der Ampel Halt und blickt auf. In diesem Moment entflammen die Gaslampen der Straßenbeleuchtung. Plötzlich steht er dort. Ihr Atem stockt.
Frische Schneeflocken fallen vom Himmel und wiegen sich sanft um seine helle Gestalt. Ein inneres Leuchten hebt die Erscheinung deutlich vor der Dämmerung ab. Die schwebenden Flocken umschimmern ihn mit überirdischem Glanz. Sie kann sich nicht losreißen.

Die schwebenden Flocken umschimmern ihn mit überirdischem Glanz.

Seine Flügel sind weit ausgebreitet, hoch oben auf dem Dach des fünfstöckigen Gebäudes auf der anderen Straßenseite, steht er voll Gnade. Sein Blick gilt ihr. Sie kann es spüren.
Die grazilen Schneekristalle tanzen hinunter und dämpfen den Lärm der Straße um sie herum.
Der Anblick des Engels zieht sie ganz in seinen Bann. Weich und voll Mitgefühl bricht sein Blick sich bahn, überwindet Schmerz und Demütigung erreicht ihr Herz. Es wird ihr leicht und warm. Ein stummes Zwiegespräch in einen ewigen Moment. Sein Versprechen, alles kann wieder gut werden. Ihr bleibt die Gewissheit. Ich bin liebenswert. Trotz allem! Tränen der Erlösung rinnen über ihr Gesicht.

Sie geht einen Schritt auf ihn zu. Er hebt seine Hand, streckt sie ihr entgegen, gebietet ihr Einhalt. Das grelle Scheinwerferlicht eines Doppeldeckerbusses blendet sie. Doch gelassen blickt sie dem Licht entgegen.

Ein Ruck reißt sie zurück. Aber sie fällt nicht. Jemand hält sie aufrecht. Sie stolpert gegen einen schneenassen Parker. Das wütende Hupen des Busfahrers dröhnt an ihnen vorbei und schmutziger Schneematsch besprenkelt ihren Rücken. Es reist sie aus ihrer Trance. Sie blickt auf, in die Augen ihres Retters. Es war der Maronenverkäufer.
Eine kleine Traube von Menschen sammelte sich um sie und applaudierte kurz. „Da hatten sie aber einen Schutzengel!“
Rosi spürte wie sich, unter dem Blick des Maronenverkäufers, die Röte in ihren Wangen sammelte und antwortete erstaunt, „Ich hatte sogar zwei.“

 

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