Für Schriftsteller

Gefühle im Text – Emotionen auf allen Ebenen

Gefühle im Text - Emotionen

Letzte Woche habe ich bereits gezeigt, wie man die fünf Sinne für sich und seine Leser entdecken kann. Solltest Du das verpasst haben, kannst du das hier nachlesen.

Diese Woche ergänze ich das Thema Gefühle im Text, mit einem weiteren Beitrag, der sich um die Darstellung von Gefühlen in den unterschiedlichen Textbausteinen (Dialog mit Gedanken und literarischer Erzähltext) dreht. Abschließend versuche ich, gängige Probleme mit Gefühlen im Text genauer zu beleuchten. Aber fangen wir mit etwas Grundlagen Forschung an. ?

Wo kommen Gefühle her?

Als emotionale Wesen treiben uns Gefühle an. Sie beeinflussen, mit wem wir unsere Zeit verbringen, was wir meiden und womit wir uns auseinandersetzen. Jede Erfahrung, die wir machen, wird im Gehirn mit einem Gefühl verknüpft, dass wir empfunden haben. Je intensiver das Gefühl war, desto deutlicher bleibt es verankert. Es wird Teil unserer Lebenserfahrung. Je mehr Erfahrungen wir sammeln, desto reifer wird auch unser emotionales Bewertungssystem. Hat irgendwer den Film Alles steht Kopf von Pixar gesehen? ?

Biologisch gesehen, sind Emotionen komplexe Verhaltensmuster, die sich im Laufe der Evolution herausgebildet haben. Emotionen helfen uns den Alltag zu bewältigen. Sie sind entstanden um unsere Entscheidungsfindung zu beschleunigen. Während unser Verstand nach einer vernünftigen Entscheidung sucht und sorgfältig abwägt, treffen wir unbewusst Entscheidungen aus dem Bauch heraus. Der erste Impuls hat oft bereits entschieden, ob wir die teure Sound Bar kaufen werden, oder nicht. Emotionen lenken also maßgeblich unser Handeln.

Das bedeutet auch, dass Gefühle den analytischen Teil des Gehirns umgehen und direkt in unseren ursprünglichen primitiven Bereich wirken, dem limbischen System (Amygdala, Hippocampus, Hypothalamus und weitere Strukturen). Unser Verstand kann Gefühle nur nach langem Training in Meditation, getrennt von uns betrachten. Mit dem ungeübten Geist kommunizieren Gefühle direkt. Wir sind, was wir fühlen.

Jedes Gefühl geht immer mit einer körperlichen Reaktion einher. Wir können diese Gefühle bei anderen in ihrer Körpersprache ablesen. Was bedeutet das für unsere Texte?

Verbale und Nonverbale Kommunikation

Eine Möglichkeit Gefühle zu transportieren bietet der Dialog. Wir teilen Gefühle über die Sprache mit. Drücken Gedanken, Glaubensgrundsätze und Meinungen verbal aus. Allerdings lässt sich im Dialog nicht die gesamte emotionale Bandbreite transportieren.

Glücklicherweise bietet das Medium Buch weitere Möglichkeiten. Als Autor haben wir zusätzlich die nonverbale Kommunikation im Erzähltext um Gefühle zu zeigen. Die große Stärke des geschriebenen Wortes!

Die nonverbale Kommunikation lässt sich in drei Elemente unterteilen. Eine Figur hat neben der Sprache im Dialog auch ihre Körpersprache, ihre inneren Empfindungen und Gedanken.

Körpersprache und Handeln (physikalische Signale, die das Unterbewusstsein steuert)

Physikalische Signale zeigen sich sichtbar. Es ist die Art, wie unser Körper reagiert, wenn wir Emotionen erleben. Je stärker das Gefühl ist, desto intensiver die körperliche Reaktion und desto weniger Kontrolle haben wir über die unbewusste Bewegung.

Innere Empfindungen (Bauch- Körpergefühl)

Innere Empfindungen sind eine mächtige Form der nonverbalen Kommunikation. Atmung, Herzschlag, Adrenalinschübe lösen Flucht oder Kampf Reaktionen aus. Der Leser versteht die Figur auf einer ursprünglichen Ebene. (Willkommen im Limbus! :D)

Mentale Reaktionen in Gedanken zum Ausdruck bringen

Mentale Reaktionen zeigen den inneren Denkprozess der Figur, der mit der emotionalen Erfahrungswelt korrespondiert. Gedanken sind nicht immer rational und springen von einem Thema zum nächsten. Gedanken helfen dem Autor, dem Leser die Sicht der Figur auf ihre Welt wiederzugeben. Sie sind eine hervorragende Möglichkeit die Stimme der Figur in den Text einfließen zu lassen.

Die hohe Kunst liegt darin, die verschiedenen Möglichkeiten ausgewogen in den Text einzubringen. Zeige weder zu wenig, noch zu viel Gefühl, aber sei unbedingt erfrischend neu und einnehmend! :o)

Das Schreiben von Nonverbalen Emotionen und das Vermeiden häufiger Probleme

Erzählen vs. Zeigen

Per Definition sollten nonverbale Emotionen nicht erzählt, sondern gezeigt werden. Das macht es schwieriger, denn erzählen ist leichter, als zeigen. Hier eine Situation aus meinem Text Heiligenblut zum experimentieren:

Zeigen

„Pass auf, da vorne hängt Jesus! Nich so dicht ran!“ Thomas umklammerte den Handgriff in Panik. Oli kümmerte das nicht. Er fand es lustig und gab Gas.

Der Austausch ist schnell geschrieben. Aber Leser sind schlau, sie wollen die Szene nicht erklärt bekommen. Das passiert aber, wenn wir erzählen, wie sich der Charakter fühlt. Thomas ist in Panik und Oli kümmert es nicht. Er findet es lustig. Mehr nicht.

Ein weiteres Problem mit Erzählen ist, dass es Distanz zwischen der Figur und dem Leser schafft. Das ist nur in den seltensten Fällen von Nutzen. Wir wollen aber nicht nur, dass der Leser die Szene sieht, sondern auch die Emotionen spürt und das Geschehen miterlebt.

Erzählen

Um das zu erreichen werde ich hier im Beispiel physikalische Signale, innere Empfindungen und mentale Reaktionen der Figuren hinzufügen.

„Pass auf, da vorne hängt Jesus! Nich so dicht ran!“ Thomas umklammerte den Handgriff, als könne er das Auto damit nach links ziehen.

Was sollte das? Oli fuhr doch nur geschmeidige 60 und es war nicht das erste Mal, dass er bekifft Auto fuhr. Er spürte wie sich seine Gehirnwindungen dehnten und ein Hochgefühl aus seiner Brust aufschäumte. Thomas war einfach nur ein Schisser. Oli realisierte, mit niemandem sonst hatte er je so viel Spaß, wie mit Thomas. Er war sein bester Kumpel. Es zog ihm die Mundwinkel in ein breites Grinsen. Sein Fuß gab Gas.

Der Leser hat in dieser Szene eine bessere Möglichkeit sich in die Figur hinein zu fühlen. So fremdartig und riskant das Verhalten auch sein mag. Obwohl sich Oli rücksichtslos aufführt, blickt der Leser durch seine Augen, und spürt, was in ihm vor sich geht und dass er die Situation ganz anders einschätzt, als Thomas.

Wie du ebenfalls siehst, braucht Zeigen mehr Platz auf der Seite, als erzählen, aber es zieht den Leser auch näher an die Figur heran und hilft Empathie für sie und ihre Lebenssituation zu wecken. Außerdem schafft es Spannung. Wer von beiden übertreibt gerade?

Was passiert, wenn ein Element fehlt?

Um das zu testen, habe ich in den folgenden drei Beispielen jeweils nur zwei der Mittel benutzt.

  • Dialog und Gedanken

„Pass auf, da vorne hängt Jesus! Nich so dicht ran!“ Thomas umklammerte den Handgriff panisch.

Was sollte das bringen? Oli fuhr doch nur geschmeidige 60. Der Typ war so unentspannt. Das war ja nicht das erste Mal, dass er bekifft Auto fuhr. Thomas war einfach nur ein Schisser. Oli realisierte, mit niemandem sonst hatte er je so viel Spaß, wie mit Thomas. Er war sein bester Kumpel. Dann gab er Gas.

Wir wissen genau, was Oli denkt, aber nicht, wie es sich anfühlt ein bekiffter Oli zu sein.

  • Gedanken und physikalische Signale

Thomas umklammerte den Handgriff, als könne er das Auto damit nach links ziehen.

Oli sah es aus dem Augenwinkel. Als würde das was bringen. Oli fuhr doch nur geschmeidige 60. Der Typ war so unentspannt. Was sollte schon passieren? Das war ja nicht das erste Mal, dass er bekifft Auto fuhr. Oli spürte wie sich seine Gehirnwindungen dehnten und ein Hochgefühl aus seiner Brust emporwuchs. Er musste sich den Nacken lockern um den Weg frei zu machen, sonst würde sein Kopf abplatzen. Das Hochgefühl wuchs sofort über seinen Kehlkopf hinaus und floss über seine Zunge. Es wollte zwischen seine Lippen hindurch, aber er drückte es durch seine Nase und musste grunzen. Thomas war einfach nur ein Schisser. Mit niemandem sonst hatte Oli je so viel Spaß, wie mit Thomas. Er war sein bester Kumpel. Sein Blick verschwamm, als sich seine Augen mit Tränen füllten. Er rieb sie mit seinem Ärmel weg. Befreit gab er Gas.

Auch hier wird klar, was passiert, aber die Szene wirkt ohne Dialoganteil sehr leise und durch den inneren Gedankengang auch langsam, was einer halsbrecherischen Kurverei durch die Alpen nicht gerecht wird.

  • Dialog und physikalische Signale

„Pass auf, da vorne hängt Jesus! Nich so dicht ran!“ Thomas umklammerte den Handgriff.

Oli spürte wie sich seine Gehirnwindungen dehnten und ein Hochgefühl aus seiner Brust aufschäumte. Es zog ihm die Mundwinkel in ein breites Grinsen. Sein Fuß gab Gas.

Da Oli dem Leser weder im Dialog, noch in Gedanken mitteilt, was er von Thomas Ausruf hält, hat es den Eindruck, dass Oli ihn nicht gehört hat, oder dass er versucht Jesus zu rammen. Es gibt also sehr viel Interpretationsspielraum, wenn der Leser versucht, diese Textpassagen miteinander in Verbindung zu setzen.

Ist Erzählen verboten?

Jeder kennt den Grundsatz, show, don’t tell, was aber nicht bedeutet, das Gefühle im Text nicht auch einfach genannt werden dürfen. Solange Autor weiß, was er tut und das Mittel des Erzählens bewusst anwendet, wird die Wirkung nicht ausbleiben. Denn sicherlich ist es hin und wieder legitim eine Emotion einfach zu erzählen. Zum Beispiel, wenn Informationen schnell überbracht werden müssen (in einer schnellen Szene), oder wenn es einen knackigen kurzen Einschub braucht, um den Wechsel einer Stimmung klar zu machen, aber im überwiegenden Maße wird die Extraarbeit des Zeigens sich auszahlen und unvergessene Figuren und Geschichten schaffen.

Clichéhafte Emotionen

  • schadenfrohes Grinsen
  • schlotternde Knie
  • schwer ums Herz
  • den Kopf hängen lassen
  • Angstschweiß auf der Stirn

Clichés sind verrufen. Sie sind ein Zeichen für einen faulen Autor, der auf einen einfachen Satz beschränkt, weil es zu schwer erscheint, etwas Neues zu finden.

Autoren benutzen Clichés, weil die abgenutzten Bilder, technisch gesehen, funktionieren. Unglücklicherweise lassen Sätze mit Clichés keine tiefen Emotionen zu. Schlotternde Knie sagen, Angst. Die Schwere im Herzen, Trauer. Aber was für eine Art Angst, oder Trauer? Die Art, die einen alle fünf Minuten in Tränen ausbrechen lässt, oder wird gleich jemand ohnmächtig, oder was? Clichés sind flach, eindimensional.

Wenn wir beschreiben, wie eine Figur fühlt, sollten wir überlegen, wie sich unser Körper anfühlt, wenn er so fühlt. Für jede Emotion lassen sich Duzende innere und äußere Ausdrucksmöglichkeiten unseres Körpers finden, die dem Leser zeigen, was die Figur fühlt. Auch durch Beobachtungen anderer, im Film oder beim Einkaufen, kann Reaktionen zeigen, die der Autor für seine Figuren verwenden kann. Am einfachsten sind Reaktionen im Gesicht zu erkennen, aber auch die Stimme oder die Haltung geben Aufschluss. Nicht zu vergessen ist, dass auch die Figuren in unseren Texten so individuell sein sollten, wie echte Menschen. Das heißt, nicht jeder Charakter wird Schreien, wenn er wütend ist, oder weinen. Beschreibe das, was dein Charakter fühlt so individuell und spezifisch, wie möglich und es wird garantiert neu und mitreißend. Wer mehr dazu lesen möchte, seine Sinne zu aktivieren, darf hier gerne einen Ausflug zu diesem Artikel machen. ?

Melodrama

Wären alle Emotionen mit durchschnittlicher Intensität wären sie einfacher zu beschreiben, aber Emotionen variieren in Stärke. Angst, zum Beispiel, kann von unruhig, zu ängstlich, über paranoid bis zu Terror reichen.

Manch ein Autor läuft Gefahr Melodrama zu schreiben, weil er glaubt, nur dramatische Emotionen wären packend. Freudige Charaktere springen vor Glück auf und ab und klatschen in die Hände, während sie hysterisch kichern. Traurige Charaktere krümmen sich vor Gram und brechen in Tränen aufgelöst am Boden zusammen.

Um Melodrama zu vermeiden, muss man erkennen, dass Emotionen entlang einer Bahn verlaufen. Von Mild bis Extrem. Dabei ist darauf zu achten, der Situation und der Gefühlslage des Charakters zu folgen. Extreme Situationen erfordern, extreme Reaktionen, wohingegen moderate Situationen, subtile Reaktionen glaubhaft wirken lassen. Die Figuren bewegen sich von einer Situation in die nächste auf einer Gefühlsbahn, der nachvollziehbar bleiben sollte, damit der Leser nicht aus der Geschichte geworfen wird, weil er sich über die extrem hefige, oder nicht vorhandene Reaktion wundert.

Wenn Du unsicher bist, notiere Dir die emotionale Reise des Charakters in der Szene und zeige den Fortschritt von einer Emotion zur nächsten in nachvollziehbarer und deutlicher Weise.

Auch der Versuch eine erlebte Situation in all ihrer Echtheit auf das Papier zu bannen, kann in Melodrama enden. Wenn der Autor versucht wahre Begebenheiten in Echtzeit wiederzugeben, resultiert das in langen Absätzen, oder Seiten gefüllt mit intensiven Gefühlen. Das wiederum resultiert unausweichlich in Melodrama.

Ein Mittel um das zu vermeiden, heißt Abkürzen. Banale Tätigkeiten, z.B. Begrüßungen in Dialogen, oder der Weg hinaus zur Tür, werden weggelassen, wenn sie nicht zur Handlung, oder Charakterisierung der Figur in besonderer Weise beisteuern. Auf dieselbe Art, sollten ausgedehnte emotionale Szenen nur so lang sein, dass sie die gewünschte Information rüberbringen, aber keine Silbe länger.

Übung

Diese Woche fände ich es toll, wenn Du mit einem Deiner Texte experimentierst. Nimm Dir eine Szenen und untersucht, ob Du bereits mentale, physikalische oder innere Empfindungen benutzt hast. Versuche weitere Elemente hinzuzufügen, oder sie wegzulassen und schau, was mit Deinem Text passiert.

Wie immer hoffe ich, ich konnte Dir Werkzeug an die Hand geben, um deine Texte bewusst zu gestalten. Ich freue mich von Dir zu lesen!
Ella

Verliebe Dich in den Prozess, nicht in das Ergebnis!

Photo by Aaron Burden on Unsplash

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