Lorelei – Anfang und Schluss

Anfang

»Was macht Gott eigentlich?«, fragte sich Tobias Murner, als er sein Fahrrad im Nieselregen den Deich entlang schob. Er war in keiner guten Verfassung. Der Regen hatte ihn überrascht. Seine strubbeligen dunklen Haare klebten nass auf seinem Kopf und bei jedem Schritt spritzte der Schlick des aufgeweichten Pfades auf seine Hosen. Vor wenigen Metern hatte sich der Vorderreifen verbogen, als ihn eine Böe aus dem Sattel gehoben hatte. Tobias hätte dem Wetterbericht mehr Aufmerksamkeit schenken sollen. Gott schien unzufrieden mit ihm zu sein.

Zu seiner Linken tobte die windgepeitschte Ostsee und zu seiner Rechten sammelte sich eine Herde Schafe unter dem kargen Schutz einiger Holundersträucher. Jedoch weder die Naturgewalten noch sein quietschendes Rad schienen die Tiere zu beeindrucken. Sie grasten bedächtig, als er sie passierte.

Tobias nahm sich vor, es ihnen gleich zu tun und trottete stur weiter. Er war auf dem Weg zu einer gewissen Frau Ritva Nyman. Ihr Haus lag am äußersten Zipfel Fehmarns. Warum hatte ihn Lehmann ausgerechnet heute hier hinausgeschickt?

Das Rieddach-Haus von Frau Nyman stand an der Steilküste. Als Tobias sich näherte, hörte er die Wellen unten am Strand toben. Er schob sein Rad bis zur Klippe und schaute hinunter auf das Meer. War dort jemand zwischen den Felsen im Wasser? Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Dort schien eine Frau mit langen goldblonden Haaren aus dem Wasser zu kommen. Er verlor sie aus dem Blick, als sie den Strand erreichte.

Steilküste

Das Rieddach-Haus von Frau Nyman stand an der Steilküste. Als Tobias sich näherte, hörte er die Wellen unten am Strand toben. Er schob sein Rad bis zur Klippe und schaute hinunter auf das Meer. War dort jemand zwischen den Felsen im Wasser?

Foto von Philipp Deus aus Unsplash

Wer ging bei so einem Wetter ins Wasser? Das war reiner Selbstmord. Kopfschüttelnd begab er sich zur Eingangstür. Bevor er klopfen konnte, öffnete sie sich. Die Frau, die im Dunkel des Flures stand, verwirrte ihn für einen Moment. Er hatte mit einer älteren Dame gerechnet. In der schwachen Flurbeleuchtung erkannte er afrikanische Züge in ihrem Gesicht, aber ihr krauses Haar war weiß und ihre Augen schimmerten rot. Er war noch nie einem Albino begegnet. Er wusste nicht einmal, dass so jemand auf der Insel wohnte. Dann fiel ihm ein, wie er aussehen musste. „Bitte entschuldigen Sie meinen Auftritt. Der Regen hat mich überrascht und ich hatte einen Unfall mit meinem Fahrrad …“

Sie antwortete nicht, sondern trat einen Schritt zur Seite. Er fasste dies als Aufforderung auf, einzutreten. Dabei bemerkte er, dass ihr der linke Unterarm fehlte. „Sind Sie Frau Nyman? Oder ihre Enkelin?“

Wieder keine Antwort. „Frau Nyman?“

Jetzt hob sie den Arm und wies ihm den Weg in das Zimmer am Ende des Flurs. Es war ihm unangenehm, denn er tropfte Pfützen auf den Boden und seine Schuhe waren immer noch voller Dreck. „Haben Sie vielleicht was zum Aufwischen?“ Sein Blick fiel auf ein wettergegerbtes Steuerrad, das an der Wand hing. Dessen Mitte zierte ein geschnitzter Totenkopf.

Die Stube hatte große Fenster, die zum Meer hinaus gingen, und eine Verandatür, durch die in diesem Moment eine alte Dame mit langen weißen Haaren, die in ein Handtuch gewickelt war, trat. Sie schaute ihn verwundert an. „Wie kommen Sie hier herein?“

War das die Frau vom Strand? „Die junge Dame hat mich hereingelassen. Ich muss mich für meinen Aufzug entschuldigen. Haben Sie vielleicht ein Handtuch für mich?“ Tobias versuchte zu lächeln.

„Was für eine junge Dame?“, fragte Frau Nyman streng.

Er schaute zurück, sah aber niemanden im Flur. „Die ohne Arm“, gab er aus Ermangelung eines Namens zurück.

Frau Nyman schaute erstaunt und lächelte, wobei spitzgefeilte Zähne hinter ihren Lippen zum Vorschein kamen. „Sie sehen sie also auch?“

Tobias fuhr ein alarmierender Schauer über den Rücken, als er die Tür hinter sich ins Schloss fallen hörte.


Schluss

Als er wieder zu sich kam, spülten die Wellen um seine Beine und zogen Sand unter ihm fort. Ein Sog wie ein Abschiedskuss. Die Ostsee hatte ihm verziehen.

Tobias lag zwischen den Felsen am Strand und blickte in den strahlend blauen Himmel über sich. Der Geruch von Algen begrüßte ihn zurück auf der Insel bei den Lebenden.

der Sog der Ostsee

Ein Sog wie ein Abschiedskuss. Die Ostsee hatte ihm verziehen.

Photo by Tim Marshall on Unsplash

Sein Boot war in ihrem Sturm gesunken. Lorelei war fort. Sie hatte sich in Meeresschaum aufgelöst. Die Gischt der Brandung perlte über seine Wangen. Die Insel würde sie noch lange vermissen, das hörte er in den Rufen der Möwen.

Als er so da lag und die Ereignisse der letzten Tage Revue passieren ließ, wurde ihm bewusst, dass Gott eigentlich alles machte. Diese Erkenntnis füllte ihn mit tiefem Frieden und Zuversicht.


Beitragsfoto von Amin Attia auf Unsplash

You Might Also Like

Vorheriger Beitrag
Nächster Beitrag