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Vaterschaft

Text Vaterschaft

„Unser Anwalt sagt, der Richter spricht das Kind immer der Mutter zu, wenn es noch so klein ist wie du, verstehst du?“ Der Vater sitzt hinter dem Steuer seines Minivans. Eindringlich blickt er zu seinem Sohn im Kindersitz schräg hinter ihm. „Aber auch wenn du älter wärst, stünden die Chancen sehr, sehr schlecht.“

Der Kleine zeigt aus dem Fenster und lächelt seinen Vater an. „Da!“ Ein Auto rast wie ein heller Blitz an der nachtdunklen Scheibe vorbei.

„Mama will doch Party machen, hat sie gesagt.“ Er spürt Tränen in seine Augen steigen. Die Stimme versagt ihm fast. „Aber bei mir lassen, will sie dich nicht.“ Er dreht sich nach vorn. „Das Kind gehört der Mutter“, äfft er sie nach. „Dabei sind wir monatelang ohne sie zu Recht gekommen, als sie immer mehr Überstunden gemacht hat. Sie war doch kaum da.“ Er fingert nach dem Schlüssel und startet das Auto. „Weiß ich, was die wirklich gemacht hat!“ Er stellt das Warnblinklicht aus und lenkt den Wagen vom Seitenstreifen auf die Autobahn.

„Und was wird mit dir? Sie wird dich an ihre Oma abschieben. Da wirst du dann allein aufwachsen.“ Er legt seinen Arm nach hinten und der Kleine greift seine Finger. Er drückt die kleine Hand liebevoll.

Mit tränenerstickter Stimme flüstert er, „Ich will doch für dich da sein. Du brauchst mich doch auch.“ Er schluckt und nimmt den Arm wieder ans Steuer.

Du brauchst mich doch auch.

Die Autobahn ist nachts kaum befahren. Er gibt Gas. Wechselt ganz nach links. Sucht ein Ziel.

180, 190. Das Motorgeräusch wird immer lauter.

200, 210. Die Karosserie beginnt zu zittern. Der Motor kommt an seine Grenzen. Rote Rücklichter werden am Horizont sichtbar. Die Fahrbahnmarkierungen schießen an ihnen vorbei. Der Vater hält auf die Lichter zu. Der Drehzahlmesser zeigt in den roten Bereich.

240. Der Motor jault laut. „Wir werden deiner Mama nicht mehr im Weg stehen. Soll sie glücklich werden!“ Ein Blick in den Rückspiegel. Einige Sekunden lang wird der Innenraum durch eine lange Reihe Straßenlaternen erhellt. Er sieht direkt in die saphirblauen Augen seines Sohnes und sein Herz macht einen Sprung.

Der Sohn fängt an zu weinen. Der Vater schreit. Er tritt hart auf die Bremse. Das Pedal vibriert gegen seinen Fuß. Das ABS verhindert das Blockieren der Reifen, aber der Wagen bricht aus. Sie schleudern über die Fahrbahn. Die Reifen quietschen über den Asphalt. Die Wucht der Drehung schleudert den Vater mit dem Kopf gegen die Scheibe.

Endlich kommt der Wagen zum Stehen. Der Vater atmet schwer. Seine schweißnassen Hände umklammern das Lenkrad. Er zittert. Schmeckt Blut. Als er das Wimmern seinen Kindes wahrnimmt, reist er sich vom Lenkrad los, stürzt zwischen den Vordersitzen hindurch auf den Rücksitz und nimmt seinen Sohn in die Arme um ihn fest an sich zu drücken. „Tut mir leid, tut mir leid. Ich bin so dumm.“ Sein Sohn erwidert die Umarmung und drückt sich an seinen Papa. Der Vater küsst ihn auf die Haare. „Alles wird gut. Alles wird gut.“ Tränen laufen über sein Gesicht. Er atmet den Duft seines Kindes und wiegt ihn beruhigend. „Ich bring dich nach Hause.“

Die flackernde Lichthupe des heranrasenden 10-Tonners bemerkt er nicht.

 

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