Für Schriftsteller

Wie bekommt man konstruktives Feedback?

Wie bekommt man konstruktives Feedback

Als Autor kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man seine Arbeit jemandem vorstellen möchte. Je nach Reifegrad des Textes und dem eigenen Selbstverständnis, begibt man sich auf die Suche nach Testlesern um Feedback zu seiner Arbeit zu bekommen.

Der erste in den Augen des Autors fertige Schriftsatz, gilt als sein erster Entwurf. Egal, wie oft er ihn bereits umgeschrieben und verbessert hat. Für diesen ersten Entwurf kann es sehr hilfreich sein, seine Testleser vorerst nicht unter Lesern seiner Zielgruppe zu suchen, sondern andere Autoren um Feedback zu bitten.

Warum sollten wir andere Autoren um Feedback bitten?

Schreiben ist ein Handwerk und es gibt Grundlagen und Regeln, Stellschrauben und Dramaturgie in einem Text, über die sich ein Leser wahrscheinlich nie Gedanken machen muss, denn wenn der Text funktioniert, verliert sich der Leser in der Geschichte und merkt nicht, mit welchen Kunstgriffen, wir seinen Blick lenken, seine Gefühle wecken und die Geschichte mit Leben füllen. Der Leser soll auch genau das tun. Er soll sich möglichst in unserer Geschichte verlieren und jeden Moment genießen. Ein erster Entwurf ist – jedenfalls bei mir – noch nicht soweit einen Leser derart zu verzaubern.

Autoren lesen anders. Sie arbeiten dafür, diese Dinge in Geschichten zu erkennen, um Möglichkeiten auszuloten, zu lernen und dadurch ihre eigene Kunst zu verbessern. Dieses Wissen können und sollten wir für unsere Texte nutzen, um sie zu den besten Texten werden zu lassen, die wir zu diesem Zeitpunkt in der Lage sind, zu schreiben. Das sind wir dem Leser schuldig, der sich in unserer Geschichte verlieren möchte. ?

Aber wenn wir andere Autoren um Feedback bitten, darf das keine Einbahnstraße sein. Wir sind ebenfalls Autoren und kennen die Problematiken, die mit dem Schreiben einhergehen. Das Wissen über Textstruktur, Dramaturgie und die Grenzen des Mediums, sind Dinge, mit denen sich jeder Autor irgendwann beschäftigt hat, damit bieten auch wir ein Gegenüber, dass dieselbe (Fach-) Sprache spricht. Unser Feedback ist etwas, das wir anderen Autoren ebenfalls anbieten können.

Startet ein Text-Austausch-Programm

Die einfachste und wohl befriedigendste Lösung ist es, eine Art Text-Austausch-Programm zu starten. Bei dem die Regel lautet: Liest Du meins, les ich Deins. Von so einem Arrangement können beide Seiten über viele Texte hinweg profitieren.

Damit eine solches Austauschprogramm möglichst lange gut funktioniert, sind beide Seiten darauf angewiesen gutes Feedback – im Sinne von konstruktiv, hilfreich und zeitnah – zu geben.

Es geht nicht darum, den Text des anderen in den Himmel zu loben, in der Hoffnung, selbst gutes Feedback zu bekommen, oder ihn nieder zu machen, damit man als Gewinner aus der Sache hervorgeht, sondern vielmehr ein vertrauensvolles Verhältnis zu pflegen, in dem Kritikpunkte angesprochen werden können und unterschiedliche Ansätze diskutiert werden dürfen. Ein solches Verhältnis fordert auch, dass das eigene Feedback zum Tauschtext eine gewisse Priorität erhält, und möglichst zeitnah gemacht werden sollte.

Im Netz habe ich einen sehr schönen Begriff für einen solchen Testleser gefunden, den ich gerne verwenden möchte, der Kritikpartner. Der Kritikpartner erfüllt eine wichtige Aufgabe. Er bietet ein professionelles Gegenüber und einen Vertrauten, der die Problematiken des Schreibens kennt und im besten Fall, helfen kann Lösungen zu finden.

Wie aber geben wir gutes Feedback?

Wie so oft, macht auch hier der Ton die Musik. Wenn wir einen Text lesen und Anmerkungen dazu formulieren, sollten wir darauf achten den Autor mit unseren Fragen nicht in die Defensive zu drängen.

Obwohl es den Anschein hat, dass dies den allgemeinen Regeln der Konversation entspricht, kann man unsicher sein, wie hart man seine Kritik formulieren darf. Wer Schwierigkeiten damit hat, kann hier einige Vorschläge für Kritiksätze finden:

  • Ich verstehe nicht, … (was auch immer)
  • Das Detail scheint … (unnötig, den Text auszubremsen, was auch immer)
  • Der … (Charakter, die Beschreibung, etc) erscheint mir … (depressiv, wichtig, lustig). Ist es das was bezweckt wurde?
  • Wie kommt … (Peter zum Zauberer, Susi über die Hängebrücke)? (Falls Informationen fehlen)
  • Würde ein Charakter, der … (diese und jene Eigenschaft besitzt) das tun? (Falls das Verhalten nicht konsistent erscheint)
  • War … (Peter nicht langhaarig, Susi nicht unterwürfig) in Kapitel X?
  • Und am wichtigsten: Ich mochte besonders … (beende das Feedback mit etwas, dass gefallen hat) ?

Wonach soll man suchen oder fragen?

Wenn man das erste Mal um ein Feedback gebeten wird, kann man unsicher sein, wonach man suchen muss. In gleichem Maße kann es einen herausfordern, Fragen für die eigenen Texte für seine Testleser vorzubereiten. Zu diesem Zweck habe ich eine Checkliste zusammengestellt, die als Grundlage dienen kann um Feedback oder Fragen zu bestimmten Bereichen eines Textes zu formulieren. Je nach Schreibprozess, kann sie auch beim Überarbeiten des eigenen Textes Hilfestellung bieten.

Diese Checkliste soll keine verbindliche Liste darstellen, die abgearbeitet werden muss, auch wird sie nicht allumfassend sein, sondern soll vielmehr eine Hilfestellung zum Anregen eigener Ideen für Fragestellungen zum Text geben. Wenn sie für dich nicht funktioniert, benutze sie nicht. Sie muss nicht von vorne nach hinten durchgearbeitet werden, stattdessen kannst Du Dir die Bereiche, die Du analysieren möchtest frei wählen. Wie bei allen Dingen, nimm Dir das, was für Dich funktioniert und ignoriere den Rest.

Was hältst Du von der Idee eines Kritikpartners? Hast Du vertraute Autoren, die Deine Arbeit als Erste lesen dürfen? Wie funktioniert der Textaustausch bei euch? Wird Dir diese Checkliste helfen?

Viel Spaß beim Ausprobieren!

Wie immer hoffe ich, ich konnte Dir Werkzeug an die Hand geben, um deine Texte bewusst zu gestalten. Ich freue mich von Dir zu lesen!
Ella

Verliebe Dich in den Prozess, nicht in das Ergebnis!

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